Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Nähforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

Stickfuß

Schüler

  • »Stickfuß« ist männlich
  • »Stickfuß« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 68

Registrierungsdatum: 31. Juli 2016

Wohnort: Land Brandenburg

Hobbys: Nähen und sticken

  • Nachricht senden

1

Donnerstag, 1. November 2018, 16:21

Bluse in blau...


Heute habe ich Euch ein Projekt mitgebracht, das eigentlich nicht der Rede wert ist, denn so etwas haben die meisten von Euch bestimmt schon genäht, oder zumindest selbst auf dem Plan. Interessanter ist eigentlich die kleine Geschichte, die dahinter steckt.
Bei dieser Bluse handelt es sich um eine Auftragsarbeit aus der Verwandtschaft. Die Dame, Schwägerin von ihrem Status im klassischen XXL-Format, berichtete mir, dass sie im nächsten Jahr wieder mit einem so deftigen Sommer rechne und dass sie in diesem Jahr festgestellt habe, dass sie nicht über ausreichend luftige Sommerblusen verfüge. Dabei habe sie spüren bekommen, wie dick doch ihre wenigen T-shirts tatsächlich seien. Sie bräuchte deshalb doch unbedingt noch eine ganz luftige Sommerbluse. Schon jetzt spüre ich, wie erster Lügenschmerz in mir aufsteigt und ich beginne, mir die Taschen zu zu halten. „Dann geh doch einfach nackend, aber dazu bist du zu feige“, denke ich. Nun packt sie mir zu allem Überfluss auch noch ein Schnittmuster von Burda Style auf den Tisch, dabei habe ich ihr doch bei einem meiner ausführlichen Vorträge meine Arbeitsweise erklärt. Dazu gibt es ein Tütchen mit Knöpfen, drei Meter Stoff und eine Rolle Garn aus irgendeinem Erblass. Jetzt dämmert es mir: Ich werde für irgend etwas bestraft. Meine langen Vorträge haben nicht das bewirkt, was sie sollten. Nun frage ich: „Wie wollen wir das mit der Anprobe halten? Soll ich Dir ein Probemodell nähen, an dem wir etwaige Änderungen festhalten können?“ „Nein, nein“, antwortete sie geschwind. „Nähe einfach Größe 60, das passt immer. Schließlich hast Du ja ein gutes Schnittmuster.“ „Oh Gott, das war jetzt wie ein Hexenschuss“, dabei weiß ich jetzt schon, dass das Schnittteil für den Kragen viel zu Kurz und die Bluse für sie viel zu lang sein wird. Na ja, vielleicht braucht sie ja tatsächlich ein kleines Kittelchen, das sie sich einfach ohne etwas an zu haben, überschmeist, damit sie sich während der großen Hitze auch am Fenster oder in dessen Nähe präsentieren kann, ohne dass jemand von außen Verdacht hinsichtlich ihrer Anzugsordnung schöpft.“ Spekulation hin oder her, da sie im wahren Leben eine zuverlässige und hilfsbereite Person ist, kann ich ihr diesen stussigen Wunsch nicht ausschlagen. Doch komme ich nicht umhin, meinen Abgang aus dem verwandtschaftlichen „Nähgeschäft“ vor zu bereiten: Da das offizielle „Arbeitsgespräch“ nun beendet ist, beginne ich ihr meine neuesten Pläne im Stickbereich darzulegen. „Die stoffliche Umrahmung unserer Star Trek-Sammlung wird es sein.“ Genüsslich beginne ich ihr über unerhörte Begebenheiten aus einer der vielen Folgen zu erzählen, wie ich Stickportraits der Kaptains mit Schriftzüge und Modellen ihrer Schiffe kombinieren werde. Erwartungsgemäß hält sie das keine fünf Minuten aus und unter dem Vorwand etwas „wichtiges“ mit meiner lieben Frau besprechen zu müssen, entfernt sie sich schnell aus meiner Nähbudse. Wie immer wird sie ihr gegenüber als erstes ihre Verwunderung über den zwar netten aber doch recht seltsamen und zuweilen unheimlichen Kerl kundtun, an den ihre arme Schwester geraten sei. Gekrönt wird das Ganze von noch banalerem Klatsch. „Oh Herr, bin ich froh, dass ich derweilen in meiner Welt bleiben darf“, denke ich.
Ich muss natürlich dazu sagen, dass ich für Frauen höchst ungern nähe, obwohl aus fachlicher Sicht so einiges interessant wäre. Für Damen sind Kleiderschränke meist nur Trophäenkisten, in denen selten etwas ausreichend gutes vorhanden ist und daher immer mal wieder etwas neues rein muss. Kritik daran wird mit Unverständnis quittiert. Diese Denke kann ich einfach nicht teilen, allerdings habe ich auch gelernt, solche Zusammenhänge bei meiner Frau auszublenden, um den Haussegen gerade zu halten. Wenn ich nähe, dann dafür dass es zu der vorgesehenen Zeit auch getragen oder genutzt wird. Eine Menge Arbeit auf Halde zu schmeißen, ist mir einfach zu wider.
Der nächste nervige Aspekt ist der, dass man immer glaubt, mir Schnittmuster vorgeben zu müssen. Dabei habe ich meine Arbeitsweise hinreichend erklärt: „Druckt mir ein Bild aus, wie euer Kleidungsstück ungefähr aussehen soll, dann nehmen wir ein paar Maße ab und um sicher zu gehen, dass das gute Stück auch passt, nähe ich ein Probemodell aus billigem Stoff. Das ist einfach nicht unters Dach zu bringen. Stattdessen muss ich mich mit diesen bettlakengroßen Knitterzetteln auseinander setzen und die nötigen Informationen zwischen mehreren Sprachen und unendlich vielen Linien und Zeichen heraus filtern. Korrekturen im Schnitt muss ich gegebenenfalls trotzdem noch einfügen. Natürlich bekomme ich einen Ersatz für eine Modezeichnung/Portait auf der Tüte des Schnittmusters dazu. Doch passt zwischen Bild und Inhalt kaum etwas zusammen. Das Schnittmuster ist als Gradierschnitt in den Größen 52 - 60 ausgewiesen. Abgebildet sind junge Damen um die 20 in alterstypischer Statur, also ca. Größe 36. in alterstypischen Farben (grell bunt). Man kann trotz Ausnahmen davon ausgehen, dass Größe 52 -60-Damen (XXL also) größten Teils in den Fünfzigern und Sechzigern vor kommen, zumal es hier auch die größte Zahl der nähaktiven Damen gibt. Und diese Damen sind doch von deutlich anderer Statur und ziehen sich keine Zirkusfarben auf den Leib. Da ich das Modell der mittleren jungen Dame (Bild 1) offenbar als Jacke deklariert, mit kurzen Ärmeln nähen soll, schaue ich mir vorab deren Bild natürlich genauer an. Doch ausgerechnet der Bereich Kragen-Knopfleiste, der überhaupt noch etwas interessant sein könnte, ist von den langen Haaren bedeckt.
Danke liebe Damen von Burda-Style, danke für nichts. Dennoch empfehle ich Näheinsteigern, die genau wissen, welche Größe ihnen passt, diese Schnittmuster, weil sie größtenteils sehr einfach gestrickt sind und sich auch mit relativ wenigen Kenntnissen in ein Kleidungsstück umsetzen lassen.
Ich jedenfalls habe ihnen abgeschworen, ebenso wie der Damenschneiderei. Von der Männerwelt behelligt zu werden, ist eher unwahrscheinlich und wenn doch mal einer mit nem Riss in ner Arbeitshose kommt, macht nichts, mach‘ ich doch gern. Danach noch ‘n Bier drauf und die Welt ist in Ordnung…

Gruß Stickfuß
P.S. Ich habe heute der Einfachheit halber auf eine ausführlichere Bebilderung verzichtet.

Bild 1: Schnittmusterpackung
Bild 2: Knopflöcher sticken
Bild 3: Fertige Knopflöcher öffnen
Bild 4: Wenigstens schicke Knöpfe
Bild 5: Fertige Bluse
[/size]
»Stickfuß« hat folgende Bilder angehängt:
  • 1Schnittmusterpackung.jpg
  • 2Knopflöcher sticken.jpg
  • 3Knopflöcher öffnen.jpg
  • 4Schicke Knöpfe.jpg
  • 5Fertige Bluse.jpg

Thema bewerten